„Wer bin ich ohne Kind?“

Ich erinnere mich noch genau an den Moment

Auf der Treppe, auf dem Weg in die Kantine, meine hochschwangere Kollegin lief vor mir, und ein anderer Kollege – ausgerechnet der Psychologe – fragte mich ganz unbekümmert: „Und, wann ist es denn bei dir soweit?“ Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon sechs Jahre Kinderwunschzeit hinter mir und jeden Tag die Schwangerschaft meiner Kollegin mitzubekommen, war echt schon schwer genug.

Eine andere Situation, ähnlich beiläufig: Eine Sozialarbeiterin meinte zu mir, wenn wir noch Kinder wollten, sollten wir „mal loslegen“. Aha, Danke.

Ich könnte noch viele solcher Sätze aufzählen. Gut gemeint, schlecht angekommen. Als wäre es nicht schon sowieso schlimm genug: jeden Monat das zittern, kommt die Periode oder nicht. Die Welt, die beim ersten Blutfleck jedesmal zusammenbricht. Wieder NICHT schwanger  Am schlimmsten war die Zeit der Kinderwunschbehandlungen. Nach einsetzen der befruchteten Eizellen, das zittern, ob sich eine einnistet und der tiefe Fall, wenn es nicht mal bis zum Schwangerschaftstest geblieben ist.

Diese Angst beherrscht einen, auch wenn kaum jemand darüber spricht

Sie sitzt nicht nur im Kopf. Die Angst ist überall, im Bauch, im Herzen, in den Händen, die zittern, wenn man die Hose auf der Toilette herunterzieht. Und dann kommen die gut gemeinten Sätze von außen: „Denk einfach nicht mehr dran.“ „Entspann dich, dann klappt’s schon.“ Sie sollen trösten. Sie tun oft das Gegenteil. Sie sind platt, unsensibel, manchmal richtig verletzend,  gerade wenn sie von Menschen kommen, die es eigentlich besser wissen müssten.

Damit bist du nicht allein

Viele Frauen mit langem, oft verzweifeltem Kinderwunsch kennen genau diese Sätze und genau diese Angst. Und viele tragen es sehr allein, weil das Thema oft totgeschwiegen wird,  bis jemand ahnungslos danach fragt. Und selbst dann schweigen viele weiter, weil sie das Gefühl haben, das natürlichste von der Welt nicht zu schaffen, zu versagen.
Ich sage dir: du bist nicht falsch, du bist nicht schuld, du tust dein bestes und du bist gut, so wie du bist.

Was mir geholfen hat: ein Schritt zurück

Nicht weg vom Kinderwunsch, sondern zurück zu mir selbst. Ich habe angefangen, mich zu fragen: Wer bin ich eigentlich, wenn ich gerade kein Kind bekomme? Was macht mir Freude? Warum lohnt sich mein Leben gerade jetzt, so wie es ist?

Und darüber sprechen. Den unbedachten Fragestellern sagen, dass es leider nicht klappt, dann sind die ganz schnell ruhig.

Und noch eine Frage, die ich vielen Frauen in meiner Praxis stelle: Welche Erwartung hast du eigentlich an das Kind? Soll es dir helfen, aus einem Job auszusteigen, der dich unglücklich macht? Soll es ein Loch füllen, das eigentlich woanders entstanden ist? Das sind unbequeme Fragen. Aber sie können den Druck rausnehmen und wertvolle Erkenntnisse liefern.

Eine kleine Übung für dich

Wenn du magst, probier das gern selbst aus: Nimm dir ein Blatt Papier und fünf Minuten Zeit. Schreib alles auf, was du gerade fühlst,  ungefiltert, ohne abzusetzen, ohne nachzudenken, ohne dich zu zensieren. Einfach schreiben, fünf Minuten am Stück.

Danach frag dich: Was macht das mit dir? Wie fühlst du dich jetzt, im Vergleich zu vorher? Und hast du beim Schreiben eine Erkenntnis gewonnen, die dich überrascht hat? Schreib mir gern, was die Übung mit dir gemacht hat, ich freue mich über dein Feedback.

Oder stell dir vor, jemand stellt wieder doofe Fragen, was antwortest du? Schreib es auf, du darfst alles sagen (zumindest auf dem Papier), wie fühlst du dich, nachdem endlich mal alles ausgesprochen ist? Was antwortest du beim nächsten Mal?

Ich kann dir nicht versprechen, dass du schwanger wirst

Ich habe in meiner Praxis schon Frauen begleitet, die nach vielen Jahren und vielen ICSI-Versuchen spontan schwanger wurden,  nachdem sie angefangen haben, wieder etwas für sich selbst und ihre Gesundheit zu tun.  Versprechen kann und will ich das nicht, jede Geschichte ist anders. Aber ich habe gesehen, wie viel es verändern kann, wenn das Leben nicht nur auf ein Ziel wartet, sondern selbst wieder lebenswert wird. Wenn man wieder bei sich ist, in der eigenen Mitte und im eigenen Leben. Dann darf das Kind das Sahnehäubchen werden, nicht die einzige Rettung und der Lebensinhalt.

Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst: Du bist mit diesem Gefühl nicht allein. Und du musst es nicht allein durchstehen.

Genau für diese seelische Seite des Kinderwunschs habe ich meinen Online-Kurs „Seelenpflaster für den Kinderwunsch“ entwickelt. Eine Art Erste-Hilfe-Kasten für schwere Tage.

Online Kurs für den Kinderwunsch

von Katrin Vohrer

Ein Kurs für die seelische Seite deines Kinderwunschs – aus eigener Erfahrung und aus meiner Praxis. Für die Momente, in denen du wieder zu dir selbst finden willst.